Bericht einer kleinen Geburt



Blüte Am 25.05.07 kam unser kleiner Ludwig in der 9. Schwangerschaftswoche auf die Welt. Es waren bis dahin die drei schlimmsten Tage meines Lebens! Am 23.05. bekam ich die niederschmetternde Nachricht, dass das Herz unseres Würmchens nicht mehr schlägt, nachdem ich es in der 6. Woche doch schon schlagen sah beim Ultraschall... Was war passiert? Warum lebt es nicht mehr? Wieso nur? Diese Fragen beschäftigen mich zwar heute noch, aber es ist nicht mehr ganz so sinnlos, wie es zu diesem Zeitpunkt war. Es ist nämlich einiges passiert:

Meine, wirklich sehr liebe und einfühlsame Frauenärztin schickt mich mit den Überweisungsunterlagen zu einer Ausschabung in eine Klinik nach Hause. Ich soll am nächsten Tag nüchtern dort hin. Mir ist sofort klar, das werde ich erstmal noch nicht tun. Kein Zweifel an der Kompetenz meiner Ärztin, aber mein Gefühl sagt mir, ich möchte lieber noch warten... Ich rufe auf dem Heimweg meine Hebamme an und rede mit ihr darüber. Sie ist ohne Ende schockiert und traurig. Das haben wir beide nicht im Traum gedacht... dass soetwas passieren würde! Auch sie unterstützt meinen Wunsch, erstmal noch abzuwarten und keine Ausschabung machen zu lassen, einfach weil wir uns einig sind, dass es für eine Frau besser ist, wenn sie das Ungeborene auf natürlichem Wege "entbindet". Genau das möchte ich! Es ist mein größter Wunsch, dass ich das selber schaffe! Ich hoffe einfach sehr, dass mein Körper mich dabei unterstützt!

Ewig lange Stunden vergehen. Stunden der Trauer. Des Schmerzes. Der Tag zieht sich unendlich in die Länge. Da ist plötzlich eine solch große Leere... Der einzige Halt und Trost sind meine wunderbare Tochter und mein wundervoller Mann! Der schönste und beste Halt den man sich nur wünschen kann! Dank ihnen kann ich zwischendurch sogar wieder lachen!

Ich bekomme am Mittag Blutungen und glaube, dass mein Körper auf dem richtigen Weg ist und mir helfen wird, dieses Kind auf natürlichem Wege zu gebären. Ich hoffe sehr!!

Donnerstag ist der allerschlimmste Tag! Ich weine fast von morgens bis abends. Meine Gedanken kreisen. Finden kein Ende. Es erscheint alles so sinnlos. So furchtbar ungerecht! Amélie tut mir leid. Sie kann doch nichts dafür. Ihre Mama ein einziges Häufchen Elend... Ich versuche mich mit Erfahrungsberichten, Gleichgesinnten irgendwie zu trösten. Zu beruhigen. Ich habe Angst! Einfach nur Angst. Vor dem, was kommt. Vor diesem Ungewissen... Wie verläuft eine "kleine Geburt"? Wie wird das werden? Wie groß sind die Schmerzen? Wird alles gut gehen? Und... warum schlägt das Herz eigentlich nicht mehr? Warum schlägt es nicht einfach weiter? Bitte, kleines Herz, schlage weiter!! Diese Gedanken wechseln sich minütlich ab, mit dem Gedanken, alles hinter mich bringen zu wollen! Das alles nicht mehr zu wollen! Einen Schlußstrich ziehen zu wollen. Aber wie? Ich kann es ja nicht beeinflussen! Ich warte auf den Beginn dieser kleinen Geburt.

Irgendwie kriege ich den Tag rum und am Freitag telefoniere ich mit Sandra, (m)einer wundervollen Hebamme. Sie klärt mich ein wenig darüber auf, wie es sein könnte... kleine Wehen... erträglich! Aber solang ich noch an der Schwangerschaft festhalte, mich nicht trennen kann, wird das Kleine nicht kommen. Das ist mir irgendwie auch klar. Aber was tun? Wie soll ich das schaffen? Ich will diese Schwangerschaft!! Ich will nichts lieber als das! Aber es gibt sie ja eigentlich gar nicht mehr... Das Herzchen schlägt nicht mehr! Mein Bauch ist "leer", ohne Leben... ganz anders, als vor ein paar Tagen! Ich halte diesen Gedanken daran nicht mehr aus und möchte nichts lieber, als dass es endlich losgeht. Sandra bietet mir an, die Geburt am Abend ein wenig einzuleiten. Zu unterstützen. Mit Ölen und Kräutern. Ja, das möchte ich! Aber... vorher möchte ich ganz sicher sein, dass das Herz nicht doch noch schlägt und bitte meinen Mann früher Heim zu kommen, damit wir noch in die Klinik zu einem zweiten Ultraschall fahren können. Um 16 Uhr sollte es losgehen. Sandra kündigt sich für 19:30 Uhr an.

Den Plan mit der Klinik werfe ich um 14:30 Uhr über den Haufen. Ich bekomme Schmerzen. Leichte. Bin mir aber doch sehr sicher, dass es das ist... dass es jetzt losgeht! Flo kommt um 16 Uhr heim und ich sage ihm, dass wir nicht mehr in die Klinik brauchen. Dass er da ist, ist dringend nötig. Die Schmerzen werden doller und ich kann mich kaum noch um Amélie kümmern. In ein Krankenhaus will ich allerdings nicht. Ich bin froh, zu Hause zu sein und irgendwie sehr glücklich, weil ich weiß, dass es losgeht. Natürlich habe ich Angst und furchtbare Schmerzen. Aber die halte ich aus. Sie sind viel weniger schlimm als bei einer "großen" Geburt. Diese Schmerzen fallen mir plötzlich wieder ein...

Ich verschwinde irgendwann ins Bad und setze mich auf die Toilette, weil ich das Gefühl habe, dass es sehr erleichternd ist, wenn ich das Blut einfach laufen lasse. Und davon kommt ständig was. Viele Klümpchen sind dabei. Und ich bin mir so sicher, dass das ein wundervoller Vorgang ist! Ein ganz Natürlicher! Flo kümmert sich um Amélie, bis sie ins Bett soll. Und ins Bett bringe immer ich sie, weil ich sie ja noch stille. Ich weiß also, dass ich das noch irgendwie überstehen muss... ich habe ein wenig Angst. Ich bringe sie um halb sieben ins Bett und sie schläft Gott sei Dank recht schnell ein. Ich habe das Gefühl, die Schmerzen nehmen in dieser Situation etwas ab. Sie schläft und ich gehe zurück ins Bad. Möchte völlig allein sein. Flo fragt mich immer wieder, wie es mir geht und ob ich ihn bräuchte. Nein, brauch′ ich nicht! Ich möchte einfach nur allein sein!

Um 19:30 Uhr kommt Sandra, wir setzen uns aufs Sofa und reden und reden und reden. Es tut so unendlich gut. Zwischendurch immer dieser Wehenschmerz, den ich aber aushalten kann! Sandra nimmt mir alle Ängste, gibt mir Kraft, Stärke, Mut, Zuversicht und Selbstvertrauen! Dies ist eine kleine Geburt und ich werde es schaffen! Flo geht mit dem Hund raus und verschwindet für die nächste Stunde. Da ich sicher bin, dass das noch ewig dauert, wird er rechtzeitig zurück sein… Wir wollen gerade beginnen mit den unterstützenden Ölen, als plötzlich...: Um kurz nach acht vernehme ich einen richtig dollen Schmerz. Gefolgt von zwei Weiteren. Dann merke ich eine zeitlang kaum etwas... Mir ist klar, dass hier grad irgendwas passiert... Ich verspüre den Drang, aufs Klo zu gehen und melde mich bei Sandra ab. Ich gehe zur Toilette und warte einen kurzen Moment.

Da kommt es. Erst ein Schwung Blut und dann... unsere kleine Zellteilung (wie ich sie die Wochen über genannt habe), verpackt in eine vermeintliche Fruchtblase. Erkennen kann ich nichts. Der Klumpen verschwindet in der Toilette. Die Schmerzen sind wie weggeblasen! Die geburtseinleitende Unterstützung brauch ich nicht mehr!

Ein unglaubliches Gefühl steigt in mir hoch! Das größte Glück auf Erden! Es ist einfach unbeschreiblich! So schön! So erfüllend. So erleichternd! Ich habe es geschafft! Ich habe es tatsächlich geschafft! Ganz allein! Wahnsinn! Ich möchte weinen vor Glück, aber ich kann nicht... Ich gehe wie in Trance zurück ins Wohnzimmer zu Sandra! "Das wars! Ich habe es geschafft!" Sie lächelt mich an, nimmt mich in den Arm und drückt mich ganz fest. Wir sind beide so unendlich glücklich! 20:20 Uhr war es geschafft. Flo kommt erst um halb neun zurück... "Es war eben doch Frauensache!" sagte Sandra lächelnd! Und ich bin überhaupt nicht traurig, dass er nicht da war. Ich weiß, dass das für ihn alles viel weniger emotional ist, weil er längst nicht so gebunden war an dieses kleine Geschöpf. Ich verstehe das und es ist völlig ok für mich! Ich frage Sandra noch, ob es wohl albern wäre, wenn er (ich war so sicher, dass es ein Junge würde) einen Namen bekommt. Sie verneint dies und findet die Idee sehr sehr schön. Er heißt Ludwig, weil wir ihn bereits so nannten, in den Wochen, in denen ich schwanger war.

Obwohl ich mein Kind verloren habe, obwohl ich nicht mehr schwanger bin und obwohl es der größte Schmerz ist, bin ich unendlich glücklich! Erleichtert, dass ich es tatsächlich aus eigenen Kräften geschafft hatte. Und einfach nur glücklich über diese Geburt! Ich weiß sehr sicher, dass das der einzige Weg ist, um das in nächster Zeit besser verabeiten zu können. Leichter und besser als mit einer Ausschabung. Das weiß ich ganz genau. Ich habe es erlebt, ich habe gefühlt, wie unser kleiner Engel aus mir rauskam. Das find ich sehr sehr wichtig!

Ich freue mich nun bereits wieder auf eine vermeintlich nächste Schwangerschaft und darauf, vielleicht ja doch in den nächsten Monaten ein kleines, gesundes Geschwisterchen für Amélie in den Armen halten zu können! Ich wünsche es mir so sehr! Gebe meinem Körper nun aber erstmal eine kleine Pause! Solange ich denke, dass er diese benötigt… Ich beginne zwar wieder bei null, aber dieses Gefühl fühlt sich nicht mehr traurig an!