Shirins Geburt



Wenn ich an die bald bevorstehende Geburt meiner Tochter dachte, hatte ich vor allen Dingen eines: Angst.
Die Angst stand jedes Mal groß und breit und unbezwingbar vor mir wie eine Mauer, über die es kein Hinüberkommen gibt. Die Mauer war beschmiert mit Sätzen wie „Du wirst den Schmerz nicht noch einmal ertragen können“, „Wie willst du es jemals ohne Schmerzmittel schaffen?“ und „Warum um alles in der Welt bist du auf die bescheuerte Idee gekommen, eine Hausgeburt machen zu wollen, wo dein Baby doch in Sternguckerposition liegt? Du wirst sowieso ins Krankenhaus müssen“. Wochenlang lag ich in den Nächten schlaflos da und grübelte über die Geburt nach, ohne je zu einem Ergebnis zu kommen. Eines war für mich klar: ich wollte mich nie wieder so hilflos und ausgeliefert fühlen wie bei der Geburt meines Sohnes, bei der ich von den Wehen überrumpelt, vor Schmerzen schreiend rücklings auf ein Bett gelegt und mein Kopf mit jeder Wehe nach vorne gedrückt wurde, so dass ich meinte, ersticken zu müssen. Wie sollte es diesmal anders sein, wie sollte ich je selbstbestimmt gebären, wo ich doch schon einmal nur noch Hilflosigkeit und Verzweiflung war? Hinzu kam die Befürchtung, dass die Hausgeburt doch schiefgehen müsse, wenn ich mich so von meiner Angst beherrschen ließe.
Doch es sollte alles ganz anders kommen…
Schon bei den Vorsorgen thematisierten wir immer wieder meine Angst und meine Hebamme Nora hatte immer genau die richtigen Ratschläge zur Hand und ihre Worte und Anregungen arbeiteten noch tagelang in mir weiter. Ich konnte alles, was sie sagte und mir vorschlug, zwar gut umsetzen, aber verschwunden war die Angst dennoch nicht. Das machte mir Sorgen, denn ich dachte, ich könnte mich niemals und durch nichts davon befreien. Als ich Nora dies mitteilte, sagte sie etwas zu mir, was ich auch unter der Geburt noch einmal zu hören bekam und mir die nötige Kraft und Stärke verlieh, die ich brauchte. Sie sagte, dass ich meine Angst willkommen heißen, sie als ein Teil von mir annehmen, ihr aber keine Macht über mich aussprechen lassen sollte. Ich fand es schön und irgendwie auch erlösend, dass ich Angst haben durfte.
Der Geburtstermin rückte immer näher und ich hatte meine Ängste gut im Griff und freute mich jetzt sogar darauf, mein Kind zu gebären.
Am Morgen, eine Woche vor Geburtstermin, spürte ich im Bett, wie etwas Feuchtes an meinen Beinen hinunter lief. Ich dachte sofort an einen Blasensprung und rannte zur Toilette. Es kam noch etwas Flüssigkeit und brauner Schleim, dann hörte es auf. Vorsichtshalber rief ich gegen 8 Uhr Nora an, die am Mittag vorbei kam und mich einen Test auf Fruchtwasserabgang machen ließ. Dieser fiel negativ aus. Es müsse wohl der verflüssigte Schleimpropf gewesen sein, was auf Geburtsbeginn hindeuten kann, aber nicht muss. Ich hatte über den Vormittag verteilt immer bräunlich-blutigen Schleimabgang und  mein Muttermund war auch bereits auf 2cm geöffnet, aber noch sehr hart. Da ich nur sehr sporadisch leichte Wehen hatte, glaubte ich nicht daran, dass die Geburt bald beginnen würde. Auf jeden Fall sollte ich mir vorstellen, wie mein Muttermund weich wird und sich öffnen kann. Das tat ich auch und anscheinend wirkte es. Als wir gegen 14 Uhr(eine halbe Stunde nachdem Nora gegangen war) beim Mittagessen saßen und ich zu meinem Mann sagte: „Siehst du, war doch alles nur Fehlalarm“ kam die erste kräftige Wehe nur einen Augenblick später. Nachdem ich 3-4 Wehen im Abstand von 5 Minuten hatte, bestand mein Mann darauf unsere Freundin anzurufen, damit sie mit unserem Sohn einen schönen Ausflug ins Freibad machen kann. Eigentlich war ich froh und hatte es mir auch immer so gewünscht, dass die Geburt tagsüber losgeht, damit mein Großer nicht nachts aus dem Bett gerissen wird, aber irgendwie wollte ich dann doch nicht mehr und sagte zu meinem Mann: „Ich hab nicht so viel Lust“, worauf wir beide herzlich lachen mussten. Das tat gut!
Die Wehen kamen nun tatsächlich regelmäßig und ich lief in unserem Hof umher, lehnte mich gegen irgendeine Wand und wurde von Wehe zu Wehe euphorischer und sagte danach immer: „So, vorbei.“ Wenn das jetzt tatsächlich einsetzende Geburt sein sollte, dann machte es ja richtig Spaß.
Unsere Freundin kam, aber Elijah wollte nicht mit ins Schwimmbad. Er spürte, dass etwas im Umbruch war und weinte und klammerte. Ich nahm ihn auf den Schoß und erklärte ihm ganz ruhig, dass das Baby jetzt vielleicht rauskommen möchte und ich den Papa hier brauche, damit er mir hilft. Und dass wir heute Abend vielleicht alle zusammen kuscheln können. Elijah hörte mir aufmerksam zu, dann klopfte er mir kumpelhaft auf die Schulter und sagte: „Alles gut Mama. Mach´s später (Mach´s gut/Bis später).“ Er nahm dann seine Schwimmflügel und stieg strahlend und winkend ins Auto ein. Das war eine wunderschöne Verabschiedung und ich fühlte mich befreit und gelöst, weil es unserem Sohn gut damit ging.
Mittlerweile rannte ich wie ein aufgescheuchtes Huhn durch Hof und Garten und ging mit jeder Wehe automatisch in den Vierfüßlerstand. Ich folgte meiner Intuition, was letztlich unter anderem wahrscheinlich auch dazu beitrug, dass sich meine Tochter von ihrer Sterngucker-Hängematte wieder in die vordere Hinterhauptslage drehte. Da ich nicht wollte, dass mein Mann Nora anruft, tat er es eben heimlich um sie zu informieren, dass es bald losgehen könnte (woran ich natürlich nicht im Entferntesten glaubte). Wir gingen dann gemeinsam in den Garten und kuschelten uns auf eine Decke unter die Obstbäume. Jede Wehe trieb mich sofort wieder auf alle Viere, mein Mann massierte mir den schmerzenden Rücken und alles war in Ordnung. Wir banden noch eines unserer Tragetücher an den 100Jahre alten Pflaumenbaum und irgendwann wollte ich nur noch halb aufrecht, halb kniend daran hängen. Ich fühlte mich wie eine Indianerin und war so begeistert, dass ich meine Wehen auf diese Art und Weise erleben und veratmen konnte. Mein Mann notierte fleißig die Abstände zwischen den Wehen, mal waren es 8 oder aber auch nur 3 Minuten. Immer wieder wollte er Nora anrufen, aber ich sagte nur, dass ich noch genug Zeit hätte und außerdem wollte ich keinen Fehlalarm schlagen. Als ich mal wieder am Tragetuch hing, rollte eine Wehe über mich hinweg, die mich aufstöhnen ließ. Ich stand auf und rannte so schnell ich konnte ins Haus zurück, ich wollte plötzlich nicht mehr im Garten sein, obwohl ich mich doch eben noch so wohl gefühlt hatte und das schöne Sommerwetter genoss.
Als ich auf Toilette saß, sagte mein Mann nur zu mir: „Auf dem Infoabend haben sie gesagt, dass die Männer auch bei den Hebammen anrufen dürfen und das mache ich jetzt.“ Ich war stinkesauer! Zu allem „Übel“ wollte Nora auch noch direkt kommen, als sie mit mir sprach. Sie sagte, sie wolle wenigstens noch ein, zwei Wehen erleben, bevor sie unser Kind auffangen darf…
Zwanzig Minuten später war sie dann da und wider aller Erwartungen hörten die Wehen nicht einfach auf, sondern wurden plötzlich sehr viel stärker. Ich wollte nur noch laufen, laufen, laufen und rannte durchs ganze Haus. Sollte das wirklich Geburt sein? Ich glaubte es einfach nicht, bis ich in die Küche kam und Nora dabei erwischte, wie sie den Backofen mit den roten Handtüchern anschmiss. Als ich das sah, brach ich in Tränen aus. Ich konnte doch nicht jetzt mein Kind bekommen, ich hatte doch noch ein paar Tage Schonfrist?! Dann rollte eine Wehe über mich hinweg während der auch noch die Haustür aufging und meine Zweithebamme Eva ins Haus kam, das war gegen 18Uhr. Jetzt war ich völlig durch den Wind! Wieso bitteschön war Eva schon da? Die sollte doch erst zur Schlussphase der Geburt kommen?! Nora konnte mich dann trösten und ich zog vom Küchenboden ins Wohnzimmer um, wo ich mich über den Gymnastikball legte. Nora saß vor mir und half mir mit dem Veratmen, mein Mann massierte meinen Rücken. Und dann plötzlich war sie da: meine Angst! Ich hatte unglaubliche Angst! Ich konnte das doch nicht schaffen, bestimmt würden bald die Höllenqualen einsetzen, auf die ich die ganze Zeit schon wartete. Tatsächlich waren die Wehen sehr stark und schmerzhaft, aber ich empfand sie selbst zu diesem Zeitpunkt noch nicht als unerträglich. Nora nahm meine Hände, sah mir in die Augen und sagte, dass ich mich jetzt entscheiden könnte, was ich wollte. Ich dürfe mich noch weiter verschließen und die Angst beibehalten, aber ich könne sie auch einfach in der nächsten Wehe als Kraft hineinnehmen. Es war so schön zu hören, dass ich mich entscheiden durfte und somit entschied ich mich, die Angst als Kraft zu nutzen. Und huch, was war denn das? Es strömte, nein es schleuderte plötzlich eine Energie durchs Wohnzimmer, dass Nora später meinte, es hätte sie förmlich an die Wand geworfen.  Ich war plötzlich so stark, ich nahm die Wehe an, ich wusste genau, dass ich nicht mehr zurück konnte. Ich war nur noch Kraft, eine unglaubliche, ungeahnte Kraft wirkte durch mich; durch meine Seele, durch meinen Körper. Ich musste plötzlich drücken, aber außer Darminhalten kam nicht viel heraus. Anscheinend war mein Muttermund schon fast offen, sollte es wirklich so schnell gegangen sein? Nora machte mir den Vorschlag, ob ich nicht nach oben in mein Geburtszimmer gehen wolle. Ich willigte ein, ich war wider Erwarten voll bei Bewusstsein und lief ganz selbstverständlich in der Wehenpause die Treppe hoch. Im Geburtszimmer war es abgedunkelt, die schönen roten Hennalampen leuchteten. Ich setzte mich auf den Gebärhocker und dann ging es los. Die Wehen kamen schneller, sie kamen stärker. Mein Mann hielt mich umschlungen, Nora kniete vor mir, meine Hände lagen auf ihren Schultern, sie stützte mich. Ich fragte:“ Geht´s jetzt los?“ und Nora meinte, mein Muttermund sei vollständig eröffnet. Auf die Frage woher sie das wüsste, antwortete sie, dass sie mir das ansehe. Ich fand diese Antwort  so schön  und fühlte mich noch mehr geborgen. Niemand tastete nach meinem Muttermund, es wurde kein CTG geschrieben, ich hatte keine Kanüle in der Hand, ich musste nicht auf dem Rücken liegen, ich war zu Hause und meine Hebamme war so ruhig und sicher, was auch mich ganz ruhig werden ließ. Ich dachte nicht ein einziges Mal daran, dass mein Baby ja vielleicht als Sterngucker mit etwaigen Komplikationen geboren wird, es war kein Thema mehr.
Jede Wehe begrüßte ich mit einem dreimaligen „JA“. Dieses gesprochene „Ja“ wurde zu einem langen, tönenden „A“. Und plötzlich fing ich an zu singen. Oder war das gar nicht mehr ich? Etwas sang, etwas jubilierte und feierte durch mich hindurch die Geburt meines Kindes. Ich war hellwach; in den Wehenpausen nahm ich den Raum um mich herum überdeutlich wahr. Ich war nur noch Bewusstsein, ich war Kraft, ich war Stärke, ich war Liebe. Die erwarteten Schmerzen stellten sich nicht ein, stattdessen überrollte mich eine Kraft die so viel größer ist als alles Vorstellbare. Eine Kraft, der frau sich nur hingeben kann, die sie annehmen muss, durch deren starken Sog sie hindurch muss, um erfrischt und gestärkt wieder auftauchen zu können. So tauchte ich immer wieder singend und strahlend in diese Kraft ein, ich ließ mich von den Wellen hinweg auf´s unbekannte weite Meer treiben, ich spürte wie anstrengend es für meinen Körper war, aber ich empfand keine Schmerzen, keine Anspannung, keine Angst. Die größte Kraft gab mir Nora, denn während jeder Wehe versank ich in ihren Augen die so weise und alt und kraftvoll waren. Ihre Energie ging auf mich über, wir sangen zusammen und ich war nur noch glücklich; ich spürte, wie mein Baby immer tiefer rutschte, wie ich nichts anderes tun musste, als das neue Leben auf diese Welt zu singen. Die Töne und ihr Klang, die aus mir herausflossen wurden immer kraftvoller und mir immer unbekannter. Ich spürte, dass etwas Großes und Edles durch mich hindurch wirkte gegen das ich mich nicht hätte mehr wehren können, denn ich war mit ihm verschmolzen. Plötzlich war eine Art Schmerz da, es brannte fürchterlich, ich dachte, ich zerreiße und schrie kurz auf. Ich sagte: „ Da kommt irgendwas raus“ und Nora meinte, ich sollte mal raten, was das sei. Ich fühlte zwischen meine Beine. Da war etwas Rundes und allzu Weiches, es fühlte sich an wie ein Ballon. Es war die Fruchtblase die mir in die Hände geschoben wurde, mein Baby kam mit einer Glückhaube zur Welt! Noch einmal erhob sich meine Stimme zu einem kraftvollen Gesang und mein Kind war geboren. Meine kleine Tochter lag vor uns auf dem Boden, ich konnte es nicht glauben und meine erste Reaktion war: „ Das war´s schon?“.
Sie war so schön. Sie war so vollkommen. Ich nahm sie hoch, drückte ihren kleinen nassen, warmen Körper an meine Brust, spürte ihr Herz schlagen, spürte sie atmen. Dieser kleine Mensch der die ganze Zeit in meinem Bauch war, lag jetzt auf mir. Ich war nur noch Liebe und Glückseligkeit. Sie wurde mit einem warmen, weichen roten Handtuch zugedeckt und ich war so gerührt, dass ich dieses Wunder der Geburt erleben durfte, dass ich bewusst gebären konnte, dass ich überhaupt kennenlernen durfte, was wahres Gebären bedeutet.
Man spricht von Geburt immer in Verbindung mit Qual, Schmerz, Leid, Anstrengung. All das, was ich selbst schon erlebt habe.
Doch nun weiß ich, dass Geburt ein einziges Fest sein kann, ein Freudentaumel, ein Wirbel der Glückseligkeit der einen zu seinen tiefsten Tiefen führt, das Innerste nach Außen kehrt. Man muss all seine Empfindungen, seine Ängste, seine Hoffnungen, sein Bangen abgeben um bewusst das Hier und Jetzt mit all seiner vielleicht auch erschreckenden Kraft und Stärke annehmen, denn nur so kann das Wunder geschehen.
Ich durfte meine Tochter ohne jegliche Schmerzen strahlend auf die Welt singen. Das ist das kraftvollste und schönste Erlebnis, das ein Mensch haben kann. Ich bin meinen Hebammen so dankbar, dass sie mir diese Geburt ermöglicht,  dass sie mich durch ihr Da-Sein so gestärkt haben und mir den nötigen Raum geschaffen haben, die Geburt geschehen zu lassen. Eine Geburt mit der vertrauten Hebamme, dem lieben Mann in den eigenen vier Wänden ist etwas Einmaliges und lässt sich mit nichts vergleichen. Man fühlt sich geborgen und sicher.
Gebären ist Liebe und Kraft in ihrer reinsten, unverfälschten Form und ich bin so dankbar über die Gnade, die mir zuteil wurde.